Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Stade

Anne Behrends

Tel.: +49 (0)4141 12 1005

Das Frauennetzwerk

Sexuelle Gewalt gegen Frauen in allen Kriegsgebieten
Das Frauennetzwerk informierte sich mit Blick auf geflüchtete Frauen

Das Frauennetzwerk hatte im Februar 2016 aus Anlass der aktuellen Flüchtlingsentwicklung Gabriele Müller
eingeladen, um über ihre Arbeit mit traumatisierten weiblichen Kriegsopfern in Bosnien-
Herzegowina im und nach dem Balkankrieg zu berichten.

Die Referentin stellte das Frauenfriedensprojekt SEKA, das Zentrum für Fortbildung, Therapie und
Erholung für Frauen und Kinder in Bosnien-Herzegowina, vor. Das Projekt startete 1997 auf der Adria-Insel
Brac, und es siedelte zehn Jahre später um nach Gorazde. SEKA ist eine Initiative von Hamburger
Frauen, die sich für die Gesundung und Stärkung der Kriegsopfer nach erlebter sexueller
Gewalt engagieren. Es geht um eine psycho-therapeutische und psycho-edukative
Angebote.
Müller berichtete von der erlebten sexuellen Gewalt der Frauen, die schwierigste und
langwierigste körperliche und vor allem psychische Verletzungen nach sich ziehe. Die
Frauen sind Opfer patriarchaler Strukturen und des latenten Sexismus, der sich global breit
macht. Die sexuelle Gewalt kulminiert in Kriegen. Denn sie ist Teil der Kriegsstrategie von
Machthabern, den Gegner damit insbesondere zu demütigen. Diese Strategie gibt und gab
es schon immer weltweit: Frauen sind auf allen Seiten der kriegsführenden Parteien
betroffen.
Oft werden Frauen verschleppt und in Zwangsbordelle verbannt, wo sie als Prostituierte
arbeiten müssen, das gleiche gilt für Kinder. Diese Frauen sind im Balkankrieg oftmals auf
brutalster Weise vergewaltigt und gefoltert worden. Wenn sie Glück hatten, wurden sie
gegen Kriegsgefangene ausgetauscht, aber oftmals war auch das keine Befreiung, denn
nicht selten ging die sexuelle Gewalt gegen Frauen im anderen Lager weiter. Da in Bosnien-
Herzegowina über drei Jahre lang der Krieg fürchterlich getobt hat, gab es kein Ausweichen.
Die Frauen konnten sich auch nicht dauerhaft verstecken, da sie zum Beispiel als Mütter
oder als Teil der Familie verantwortlich für die Versorgung waren und tatsächlich auch
funktioniert haben, obwohl es z.B. kaum etwas zu essen und keinen Wohnraum gab und die
Not sehr groß war.
Auch Jahre nach dem Krieg haben Frauen nicht darüber sprechen können, sondern die
Erfahrungen geleugnet bzw. versucht, sie selbst zu ignorieren. Das zeigte sich darin, dass
die Frauen unendlich angespannt und aggressiv waren. Sie haben von den Ärzten
Psychopharmaka bekommen, Schmerzmittel und sich davon abhängig gemacht. Zunächst
gab es keine therapeutischen Angebote in Gorazde. Die Frauen waren durch die
Medikamente entweder vollkommen gedämpft und teilnahmslos oder panisch und fühlten
sich wie in der Hölle. In einem weiteren Schritt führte dies dazu, dass die Frauen sich
isolierten, also alle Kontakte möglichst mieden, denn sie fühlten sich schuldig und natürlich
auch schambehaftet, denn sie waren entehrt worden. Es ist festzustellen, dass sogar Kinder
dieser Frauen mit Traumata selbst Traumata entwickeln können. Müller berichtet davon,
dass selbst Opferhilfe-Organisationen die Frauen erneut „missbraucht“ haben, weil sie dieFrauen
in Schaudemonstrationen ihre Erfahrungen vor Publikum vortragen ließen. Die Justiz
und Strafverfolgungsinstanzen konnten die Frauen nicht schützen.

SEKA kam 2007 dorthin. Erst hier fanden die Frauen Gesprächspartner, Möglichkeiten sich zu öffnen
und zu erzählen. Und es gab erstmalig die Chance für die Betroffenen, ihre Traumata zu überwinden.
Hier entstand Vernetzung der Frauen, die sich dadurch auch gegenseitig zu stärken lernten.
SEKA bildet weiterhin Mitarbeiterinnen in Frauenorganisationen zur Traumatherapie aus.

Spontan entstand unter den Teilnehmenden die Idee, für das Projekt der IHK Stade
Sprachmittler_innen auszubilden, ein Fortbildungsmodul bei der VHS Buxtehude zu
schaffen, in dem die Sprachmittler_innen lernen, mit der Problemstellung sexualisierte
Gewalt umzugehen.
Außerdem wurde im Frauennetzwerk darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, geflüchteten
Frauen bei der Unterbringung in den Kommunen einen geschützten Rahmen zu geben, sie
müssen abschließbare Sanitär- und Wohnräume haben. Alle anwesenden
Frauennetzwerkmitglieder sollten in ihren Gemeinden darauf schauen, dass diese Standards
erfüllt würden.

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Die Forderung des Frauennetzwerks nach einem Prostitutionsverbot in Deutschland (2014)

Die Forderung des Frauennetzwerks nach einem Prostitutionsverbot in Deutschland (2014)

Das Frauennetzwerk im Landkreis Stade richtete im Mai 2014 die Forderung
nach einem Prostitutionsverbot in Deutschland an die Bundesregierung.

1. das Verbot der Prostitution in Deutschland, 2. die Bestrafung der Freier und nicht der Prostituierten, (es sollte eine ähnliche Gesetzgebung wie in den europäischen Nachbarländern Frankreich und Schweden gelten.) 
3. einen umfangreichen Opfer- und Zeugenschutz für aussteigewillige Prostituierte, 
4. die Bereitstellung und Finanzierung flächendeckender Ausstiegsprogramme, die den Frauen neue berufliche Perspektiven ermöglichen,
5. eine geschlechtergerechte Gesellschaft, die die Würde aller Frauen und Männer gleichermaßen wertschätzt und in der Frauen und Männer selbstbestimmt und gewaltfrei – ohne Prostitution - leben können.

Wesentliche Gründe für das Prostitutionsverbot: 

Die Prostituierten arbeiten oft unter unmenschlichen Bedingungen. Zudem sind sie schutzlos der Macht der Zuhälter und Zuhälterinnen, aber auch der Freier ausgesetzt. Wenn Frauen sich und ihren Körper als Ware kaufen und gebrauchen lassen (müssen), verletzt dies nicht nur die Würde der Prostituierten, sondern die Würde aller Frauen und Männer. Die so genannten Flatrate-Bordelle sind nur ein Beispiel für die Auswüchse der Prostitution in Deutschland und der Verletzung der Würde von Frauen und Männern. Das Frauennetzwerk sieht hierin einen Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes, der die Würde des Menschen an erster Stelle setzt und sie für unantastbar erklärt. 
Wenn Männer den Körper der Frau zu beliebigen sexuellen Handlungen und zur eigenen Befriedigung kaufen, schreiben sie die ungleichen traditionellen Machtverhältnisse unter den Geschlechtern fort und verfestigen sie. Nach Artikel 3 des Grundgesetzes, der das Gleichstellungsgebot regelt, ist es die Pflicht des Staates, die Nachteile zwischen den Geschlechtern zu beseitigen.
Für Prostituierte, die aussteigen wollen, gibt es in Deutschland keinen ausreichenden Opfer- und Zeugenschutz. Außereuropäische Frauen haben keinen Anspruch auf Grundsicherung und werden sofort in ihre Heimatländer ausgewiesen. Dort droht ihnen die familiäre und gesellschaftliche Ausgrenzung. Dies bekanntlich auch bei Zwangsprostitution.
Prostituierte haben keine Arbeitsschutzbedingungen. Und es gibt keine kontrollierbaren Rahmenbedingungen für ihre Arbeit nach der derzeitigen Gesetzeslage. 
Die immer aggressivere Werbung für die Prostitution u.a. in Printmedien sowie Social Media wirkt sich jugendgefährdend aus, denn sie setzt auch in den Köpfen unserer Kinder und Jugendlichen ein fatales Bild vom „käuflichen Geschlecht“ fest.

 Die Gleichstellungsbeauftragten erhielten den Auftrag, dieses Votum an die hiesigen Bundestagsabgeordneten und die zuständigen Fraktionen im Bundestag, an die Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig,  an die Niedersächsische Sozialministerin, Cornelia Rundt,  zu senden - mit der Bitte um Unterstützung anlässlich der derzeitigen Novellierung des Prostitutionsgesetzes. Außerdem erhielten auch die Kreisverbände der Parteien und Wählergemeinschaften vor Ort das Schreiben des Frauennetzwerks.

Letzte Beiträge

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Das Leitbild des Frauennetzwerks im Landkreis Stade

Das Leitbild des Frauennetzwerks im Landkreis Stade

  • Mädchen und Frauen aller Kulturen und Nationen führen ihr Leben unabhängig von starren Geschlechterrollen,
    selbstbestimmt und individuell.
  • Frauen und Mädchen leben angst- und gewaltfrei.
  • Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist gesellschaftliche Realität.
  • Frauen sichern mit ihrem Einkommen ihre eigene Existenz.
  • Die Unterrepräsentanz von Frauen in Gremien der Politik, Wirtschaft und Finanzwelt
    ist abgebaut.
  • Es besteht Chancengleichheit für Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Das Frauennetzwerk

Das Frauennetzwerk im Landkreis Stade wurde 1992 von den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Stade und des Landkreises Stade gegründet. Seine Mitglieder sind über 70 Vertreterinnen von Einrichtungen, Gruppen, Vereinen, Initiativen, Parteien, Beratungsstellen, die sich 2 – 3 mal im Jahr auf Einladung der hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten zu einem Austausch über aktuelle frauenpolitische Themen und Projekte zur Chancengleichheit und Frauenförderung treffen. Mit dem gemeinsam erarbeiteten Leitbild soll eine erfolgreiche und nachhaltige Frauenpolitik im Landkreis Stade gesichert werden.

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